Auf den ersten Blick mag man künstliche Intelligenz nicht mit Religion verknüpfen. Doch die Berührungspunkte sind vielfältig. Ein zentraler Gedanke dabei ist, dass der Mensch sich selbst als Gott versteht.
Dass der Mensch sich selbst als Schöpfer betrachtet, der seine Geschicke mittels Technik in die eigenen Hände nimmt, mag man noch als Verlängerung der Ideenwelt des 19. Jahrhunderts verstehen. Dort wurde die Maschine selbst zum neuen Gott. Die vielleicht eindrücklichsten Bilder dafür sind Turbinenhallen von Gaswerken, die bewusst als kathedralen-ähnliche Gebäude gebaut wurden.
Ein weiteres augenscheinliches Beispiel ist die hauptsächlich in den USA beheimatete transhumanistische Bewegung. Diese strebt, verkürzend gesagt, nach Unsterblichkeit. Auch der Transhumanismus ist vordergründig nichts Neues, hat doch René Descartes dafür bereits Grundlagen gelegt.
Doch die heutigen Vertreter dieser sehr heterogenen Bewegung streben an, mit Mitteln der künstlichen Intelligenz den Tod zu überwinden. Dabei spielt zum Beispiel auch das Herstellen von Chatbots eine Rolle, die mit Informationen über einen Verstorbenen trainiert werden und sogar mit der Stimme des Verstorbenen sprechen können.
Dass der Mensch sich selbst als Gott, als Schöpfer versteht, ist also eine Entwicklungslinie, die sich seit Jahrzehnten verfolgen lässt. Verschiedene Autor:innen haben sich diesem Thema gewidmet.
Yuval Noah Hararis 2017 in Deutsch erschienenes Homo deus ist das in jüngster Zeit vielleicht bekannteste Buch dazu. 2024 erschien mit Gott 2.0. Grundfragen einer KI der Religion ein kleines Büchlein des Religionsphilosophen Ahmad Milad Karimi. So unterschiedlich die Bücher von Schwerpunkten (und Umfang) sind, gibt es doch einige interessante Berührungspunkte zwischen ihren Ideen, die ich hier vorstellen möchte:
Technologische Transformation des Menschen
Beide Autoren beschäftigen sich mit der Idee, dass der Mensch durch technologischen Fortschritt eine gottähnliche Position einnehmen könnte:
- Harari spricht von einem Übergang vom Homo sapiens zum „Homo Deus“, einem gottgleichen Menschen, der mithilfe von Wissenschaft und Technik seine Geschicke selbst lenkt.
- Karimi hingegen betrachtet die Idee eines „Gott 2.0“ als menschengemachtes Konstrukt, das durch Technologie und KI eine Superintelligenz anstrebt.
Herausforderung traditioneller Glaubensvorstellungen
Beide Werke thematisieren, wie moderne Technologien traditionelle religiöse Konzepte in Frage stellen:
- Harari argumentiert, dass der Humanismus zur „neuen Religion“ erhoben wurde, wobei der Mensch die Rolle Gottes übernimmt.
- Karimi untersucht, wie KI das religiöse Verständnis herausfordert und eine neue theologische Herangehensweise erfordert.
Ethische Implikationen
Sowohl Harari als auch Karimi befassen sich mit den ethischen Konsequenzen dieser Entwicklungen:
- Harari warnt vor möglichen negativen Folgen, wenn künstliche Intelligenz dem Menschen überlegen wird.
- Karimi schlägt neue „Zehn Gebote“ für das digitale Zeitalter vor und betont die Bedeutung menschlicher Unvollkommenheit.
Zukunft der Menschheit
Beide Autoren spekulieren über die Zukunft der Menschheit im Kontext technologischer Fortschritte:
- Harari sieht eine Zukunft, in der das Leben zunehmend als Datenstrom interpretiert wird und Mensch-Maschine-Hybriden entstehen.
- Karimi hinterfragt, wie sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf unser Verständnis von Gott und Glauben auswirken wird.
Trotz unterschiedlicher Perspektiven – Harari aus einer eher säkularen, Karimi aus einer religiösen Sicht – zeigen beide Werke, wie tiefgreifend die technologische Entwicklung unser Verständnis von Menschsein, Gottesvorstellungen und Ethik beeinflusst und herausfordert.
Yuval Noah Harari: Homo Deus – Eine Geschichte von morgen (2017)
Ahmad Milad Karimi: Gott 2.0. Grundfragen einer KI der Religion (2024)